Wo Männer in der Frauengesundheit rumpfuschen [Teil 2]: Zyklus im Fokus

Dieser Beitrag  setzt sich mit gesellschaftskritischen Aspekten, dem Patriarchat und historischen Ungleichheiten in der Frauengesundheit auseinander. 

Übersicht

Medizinisches Wissen wurde über Jahrhunderte hinweg von gesellschaftlichen Machtstrukturen geprägt (ein krasses Beispiel dafür ist die Diagnose „Hysterie“). Allerdings wurde die Gender Research Gap bis heute nicht wirklich aufgearbeitet. Das sorgt dafür, dass weibliche Beschwerden häufig falsch eingeordnet, bagatellisiert oder übersehen werden. Also lass uns da rein gehen!

1. “Unerklärliche” Frauenleiden

1.1 Die Hysterie

Lass uns mit einem kleinen Ausflug in die Vergangenheit starten. Die wohl bekannteste „Frauenkrankheit“ der Medizingeschichte war die sogenannte Hysterie. Das ist ein Sammelbegriff für unspezifische und angeblich unerklärliche Beschwerden, die vor allem Frauen zugeschrieben wurden. Der Begriff stammt aus dem Griechischen: hystéra bedeutet Gebärmutter.

Symptome:

  • Angstzustände
  • Nervosität
  • Kurzatmigkeit
  • Ohnmacht
  • Schlaflosigkeit
  • Reizbarkeit
  • Appetitlosigkeit
  • Schweregefühl im Bauch
  • Flüssigkeitsansammlungen
  • emotionale Ausbrüche -> „hysterische Anfälle“
  • Veränderungen des Sexualverhaltens:
    • gesteigertes sexuelles Verlangen
    • fehlendes sexuelles Interesse
    • sexuell aufdringliches Verhalten

1.2 Pathologie und Behandlung der Hysterie

Nach antiken Vorstellungen konnte sich die Gebärmutter im Körper frei bewegen, wenn sie nicht regelmäßig mit männlichem Samen „versorgt“ wurde (urghhh). Dieses Umherwandern sollte dann Druck auf andere Organe ausüben und so die verschiedensten Symptome auslösen.

Die Diagnose Hysterie wurde letztlich für alles genutzt, was bei Frauen ungewöhnlich, unbequem oder gesellschaftlich unerwünscht erschien- ganz ohne physiologische oder medizinische Evidenz. Und es kommt noch besser. Oder eher: schlimmer.

Wer verheiratet war, dem wurde regelmäßiger Geschlechtsverkehr als wichtigste Therapie empfohlen, weil man glaubte, männlicher Samen habe eine heilende Wirkung auf die Gebärmutter. Entsprechend wurde verheirateten Frauen häufig auch von Verhütung abgeraten. Welche Auswirkungen Schwangerschaft auf die Frauengesundheit haben kann, beschreibe ich übrigens ausführlicher in diesem Beitrag. Bei unverheirateten Frauen wurde mit manueller Stimulation und bestimmten Ölen oder Düften “nachgeholfen”.

1.3. Kritische Einordnung

Die Geschichte der Hysterie zeigt ziemlich eindrücklich, wie stark selbst die Medizin von gesellschaftlichen Geschlechterrollen geprägt war.

Frauen sollten sanft, unterwürfig, sexuell zurückhaltend und auf Ehe und Familie fokussiert sein. Alles, was davon abwich, wurde schnell pathologisiert. Weibliche Selbstbestimmung wurde damit nicht nur gesellschaftlich, sondern auch medizinisch eingeschränkt.

Weil die Medizin über Jahrhunderte nahezu ausschließlich von Männern geprägt wurde (und in vielen Bereichen bis heute noch wird), galten weibliche Emotionen und Verhaltensweisen dann als behandlungsbedürftiges Problem. Gleichzeitig wurden ähnliche Verhaltensweisen bei Männern weniger problematisiert.

Plus: Die Diagnose Hysterie diente außerdem dazu, Frauen aus Bildung, Politik und anderen Machtbereichen auszuschließen.

2. Gender Research Gap

2.1 Frauen in der Wissenschaft

Das mangelnde Wissen über viele Frauenkrankheiten kommt nicht von ungefähr. Wenn Forschung überwiegend an Männern durchgeführt wird, entstehen zwangsläufig Verzerrungen. Dies beeinflusset bis heute, wie Krankheiten bei Frauen verstanden, diagnostiziert und behandelt werden.

Frauen waren über Jahrzehnte systematisch von klinischer Forschung ausgeschlossen. Häufig wurden dafür ihr Zyklus oder eine mögliche Schwangerschaft als Begründung genannt:

  • hormonelle Schwankungen
  • mögliche Schwangerschaft (Ethik- und Haftungsgründe)

Die Folge: Krankheiten wurden falsch eingeordnet (siehe Hysterie), Symptome missverstanden oder schlicht bagatellisiert.

Erst seit den 1990er- bzw. 2000er-Jahren schreiben viele Forschungsrichtlinien die Berücksichtigung des Geschlechts in Studien ausdrücklich vor.

2.2 Historische Ungleichheit

Das eigentliche Problem liegt aber noch tiefer. Über viele Jahrhunderte waren Ärzte, Professoren und Forscher fast ausschließlich Männer. Frauen hatten oft gar keinen Zugang zu Universitäten, medizinischer Ausbildung oder wissenschaftlichen Einrichtungen.

Interessant ist deshalb auch, dass Studien zeigen: Wenn Frauen forschen, führen sie häufiger Studien mit weiblichen Probandinnen durch. Das könnte zumindest teilweise erklären, warum frauenspezifische Forschung erst in den letzten Jahrzehnten überhaupt stärker in den Fokus gerückt ist.

2.3 Strukturelle Verzerrung

Ein weiteres Problem zeigt sich in der Sprache wissenschaftlicher Publikationen.

Oft ist von „humans“ oder „Menschen“ die Rede, obwohl ausschließlich Männer untersucht wurden. Dadurch entsteht der Eindruck, die Ergebnisse seien automatisch auf alle Menschen übertragbar, obwohl Frauen gar nicht Teil der Stichprobe waren.

Das Absurde daran: Die meisten dieser Studien behandeln gar keine geschlechtsspezifischen Fragestellungen. Es hätte also häufig überhaupt keinen Grund gegeben, Frauen auszuschließen

2.4 Fazit

Erst mit der Emanzipation von Frauen und der schrittweisen Aufarbeitung dieser strukturellen Ungleichheiten wurden Themen rund um den weiblichen Zyklus überhaupt sichtbar. Trotzdem sind wir noch lange nicht dort, wo wir sein müssten. Solange akademische Machtpositionen überwiegend männlich besetzt sind, werden viele Blind Spots in der Frauengesundheit nur sehr langsam aufgearbeitet.

3. Frauengesundheit

3.1 Endometriose

Endometriose-Betroffene leiden meist unter Unterleibbeschwerden, Erschöpfung, Dyspareunie (Schmerzen beim GV) oder unerfülltem Kinderwunsch. Statt aber den Fokus auf die Erkrankung und ihre Belastungen zu legen, verschiebt sich die Aufmerksamkeit nicht selten auf die Frage, ob die Frau den Erwartungen an eine „funktionierende“ Partnerin noch entspricht. Und ja, es gibt doch tatsächlich eine Studie, die sich der “Attraktivität von Frauen mit Endometriose” gewidmet hat (urghh). Die Forschungsgruppe bestand ausschließlich aus Männern. Das Paper wurde später zurückgezogen.

3.2 RED-S und Periodenverlust

Das gesellschaftliche Ideal eines schlanken, zarten und möglichst „weiblichen“ Körpers führt dazu, dass viele Frauen einem Körperbild hinterherrennen, das weder gesund noch langfristig aufrechterhaltbar ist.

Der Trend geht dabei oft in Richtung möglichst „kindlicher“ Merkmale: klein, zart, unbehaart, schwach und mädchenhaft. Also Eigenschaften, die eher an Minderjährige erinnern als an erwachsene Frauen (Stichwort Infantilisierung der Frauen).

Besonders im Fitnessbereich fällt auf, dass der weibliche Zyklus häufig gar kein Thema ist. Viele Trainer (aber auch Trainerinnen) sprechen das Thema weder im Training noch in der Ernährungsberatung aktiv an. Gerade wenn Coaches selbst keine Erfahrung mit dem Menstruationszyklus haben, geraten Warnsignale wie ein Periodenverlust schnell in den Hintergrund. 

Dass solche Schönheitsideale ihre Wurzeln in jahrhundertelanger systematischer Unterdrückung von Frauen haben könnten, muss ich an dieser Stelle wahrscheinlich gar nicht weiter ausführen.

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3.3 Intimgesundheit

Ein Ungleichgewicht der Vaginalflora kann zu einer sogenannten bakteriellen Vaginose führen. Häufig wird Betroffenen mangelnde Hygiene oder „falsches Verhalten“ unterstellt. Diese Schuldzuweisungen fördern Scham und können Frauen davon abhalten, rechtzeitig medizinische Hilfe in Anspruch zu nehmen. Neuere wissenschaftliche Erkenntnisse deuten allerdings darauf hin, dass männliche Partner bei wiederkehrender bakterieller Vaginose eine Rolle spielen können. Entsprechend empfehlen aktuelle Leitlinien zunehmend, die Einbeziehung des Partners in die Beratung und den Behandlungsplan, anstatt die Verantwortung ausschließlich bei der Frau zu verorten.

4. Resúmé

Männer „pfuschen“ natürlich nicht im wörtlichen Sinne in der Frauengesundheit herum. Das eigentliche Problem sind die patriarchalischen Strukturen, die über Jahrhunderte geprägt haben, welche Fragen überhaupt gestellt wurden, wessen Beschwerden ernst genommen wurden und wer medizinisches Wissen produziert hat.

Dadurch wurden viele Frauenkrankheiten lange unterschätzt, fehldiagnostiziert oder sogar gegen Frauen verwendet. Und genau diese historischen Verzerrungen wirken bis heute nach, bspw. in der Diagnostik und Behandlung von Zyklusstörungen.

Wenn wir Frauengesundheit wirklich verbessern wollen, reicht es deshalb nicht, neue Therapien zu entwickeln. Wir müssen auch hinterfragen, wie medizinisches Wissen entsteht, wer es produziert und welche Perspektiven dabei bislang gefehlt haben.

Hi, ich bin Jenny!

Ich bin Dozentin, Expertin für Frauengesundheit [im Sport] und dein Podcast Host. Erfahre mehr über mich.

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