Dieser Beitrag setzt sich mit gesellschaftskritischen Aspekten, dem Patriarchat und politischen Einflüssen in der Frauengesundheit auseinander.
Übersicht
Schwangerschaft, Kinderwunsch, Abtreibung und Unfruchtbarkeit – kaum ein Bereich der Frauengesundheit ist so politisch und gesellschaftlich aufgeladen. In dieser Folge beleuchte ich, wie patriarchale Strukturen die Selbstbestimmung von Frauen beeinflussen, warum die Verantwortung rund um Fruchtbarkeit oft einseitig auf Frauen abgewälzt wird und welche Rolle Männer dabei spielen:
1. Kinderwunsch und Mutterschaft
1.1 Politische Agenda
Auch wenn es mir persönlich immer schwer gefallen ist, das einzugestehen: Frauengesundheit ist hochpolitisch. Das Bestreben rechter Parteien, eine traditionelle Familienpolitik wiederherzustellen (hallo Patriarchat) sorgt nicht nur in Deutschland für massiven Druck auf Frauen. In Russland beispielsweise werden konkrete Maßnahmen ergriffen, um Frauen ohne Kinderwunsch “umzustimmen” und für eine höhere Geburtenrate zu sorgen. Dort “sollen Frauen ohne Kinderwunsch künftig verpflichtend psychologische Hilfe erhalten, um ihren Standpunkt zu überdenken” [1]. Das Problem: statt Anreize für Mutterschaft zu schaffen, wird Druck auf Frauen ausgeübt. Statt dafür zu sorgen, dass strukturelle Benachteiligung für Frauen geglättet wird, müssen Frauen durch eine Schwangerschaft sowohl ihre körperliche als auch psychische Gesundheit, finanzielle Risiken und Einbüßen in Sachen Karriere in Kauf nehmen [2][3] – für eine politische Agenda, die wohlgemerkt von Männern an der Spitze befeuert wird und deren Auswirkungen großteils für das weibliche Geschlecht zum tragen kommt. Für eine genauere Aufschlüsselung der Risiken höre bitte die Podcast Folge an.
1.2 Persönliche Entscheidungen
Die Frage nach Familie und Kind ist aber eine sehr individuelle und hat nichts mit einer psychischen Störung zu tun. Frauen, die aufgrund beruflicher Selbstverwirklichung oder dem Wunsch nach (mentaler) Freiheit kein Kind möchten, werden zunehmend stigmatisiert:
- Kinderlosigkeit wird als Defizit gesehen (eine Mutterschaft macht eine Frau vollständig und weiblich)
- Es besteht eine stake moralische negative Bewertung (sie ist „egoistisch“ und „verantwortungslos“)
- Frauen werden als Karrierebitch bezeichnet (starke Abwertung)
- Es wird impliziert, Frauen würden das später bereuen (als könnten Frauen nicht für sich selbst entscheiden)
Dass diese Narrative nicht direkt von Männern kommen ist klar, allerdings sind sie stark patriarchalisch geprägt: Frauen werden auf ihre Reproduktionsrolle reduziert und ihnen wird abgesprochen, dass sie ihr Leben eigenständig gestalten können, wie es ihnen gefällt. In einem ungleichen System, in dem Frauen teils auch Nachteile durch eine Schwangerschaft erleben, sollte das Bestreben von Männern darin liegen, diese Asymetrie der Konsequenzen einer Schwangerschaft anzuerkennen.
Meine Zusammenfassung
Die Entscheidung für eine Schwangerschaft sollte gemeinsam getroffen werden. Aus gesellschaftlicher und politischer Sicht sollte kein Druck auf Frauen ausgeübt werden, irgendeiner “biologischen Verpflichtung” nachzukommen, denn das ist ein Eingriff in das Selbstbestimmungsrecht.
2. Abtreibungen
2.1 Die Gesetzeslage
Nicht verwunderlich ist es also, dass sich die Gesetzgeber auch zunehmend (oder wiederholt? Oder immer noch?) in Sachen Schwangerschaftsabbrüche stark in das Selbstbestimmungsrecht von Frauen einmischen. In Deutschland ist ein Schwangerschaftsabbruch nach §218 StGB grundsätzlich rechtswidrig [4] und damit im Strafrecht als verboten eingeordnet. In der Praxis lassen sich Abtreibungen aber unter bestimmten Bedingungen straffrei durchführen: Notwendig dafür ist das Einhalten folgender Kriterien:
- Eine verpflichtende Beratung
- eine Wartezeit von 3 Tagen
- innerhalb der ersten 12 Wochen nach der Empfängnis
- Durchführung von ÄrztIn
- Oder aber auch: Vorhandensein einer medizinischen Indikation oder bei einer Schwangerschaft infolge einer Vergewaltigung
2.2 Entkriminalisierung
Damit §218 abgeschafft wird, braucht es allerdings eine klare Mehrheit für die Entkriminalisierung sowie eine Koalition, die das politisch gemeinsam trägt. Ach ja, und bestenfalls keine Blockade durch gegenpositionierte Parteien (zum Stand 2026 sieht das ehrlich gesagt nicht rosig aus). Und was hat das jetzt mit Männern zu tun? Aktuell wird der Bundestag von rund 65-70% Männern besetzt. Auf politischer Ebene sind unterschiedliche Lebensrealitäten also unterschiedlich stark vertreten- und die Bedürfnisse der Frauen vielleicht zwangsläufig schlecht repräsentiert (?). Einen “Ausflug” in andere Länder erspare ich mir an dieser Stelle.
Meine Zusammenfassung
Schwangerschaftsabbrüche sollten entkriminalisiert und entstigmatisiert werden. Frauen haben ein Recht auf medizinische Versorgung, die zum körperlichen und psychischen Wohlbefinden beiträgt.
3. Unfruchtbarkeit
Aber lass uns mal darüber sprechen, was passiert, wenn ein Kinderwunsch vorhanden ist, es aber nicht zu einer Schwangerschaft kommt. Das ist der Fall, wenn nach etwa einem Jahr regelmäßigem, ungeschütztem Geschlechtsverkehr keine Schwangerschaft zustande kommt. In den meisten Fällen kommen dann die Kinderwunschkliniken ins Spiel. Dort wird erst einmal geprüft, ob organische Anomalien am Fortpflanzungstrakt, Hormonstörungen oder andere Einflussfaktoren vorliegen. Leider empfinden viele betroffene Frauen enormen Druck und Scham, dabei gehören immer zwei dazu! Man geht davon aus, dass rund 20%-30% der Fälle auf eine Fruchtbarkeitsstörung des Mannes zurückzuführen sind. 20-30 % der Fäll lassen sich auf Frauen zurückführen und in ca. 25-40 % der Fälle sind beide Partner beteiligt.
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3.1 Verantwortungen
Nichtsdestotrotz boomt der Markt für Kinderwunsch-Tools, Supplements und Coaching Programmen. Die Zielgruppe: fast ausschließlich Frauen. Zufall? Wahrscheinlich nicht, denn es fühlen sich nach wie vor primär Frauen für das Leid des unerfüllten KiWuverantwortlich. Sie stellen ihre Ernährung und ihren Lifestyle um, sie buchen sich Beratungen und Coachings, investieren in NFP-Ausbildungen, lernen über ihren Zyklus und umgeben sich mit anderen Frauen, die ebenfalls betroffen sind.
3.2 Männer beim KiWu
Dabei könnte theoretisch “alles in Ordnung mit der Frau sein” aber Störungen der Samenzellbildung, Störungen des Spermientransportes und Ejakulationsstörungen des Mannes könnten dafür verantwortlich sein, dass der unerfüllte KiWu weiter besteht. Und nicht nur das: es gibt außerdem Hinweise darauf, dass eine verminderte Samenqualität einen ungewollten Abgang einer Schwangerschaft begünstigen. Bedeutet: die Gesundheit des Mannes kann zum Risikofaktor werden und sollte bei dem Thema Unfruchtbarkeit mehr in den Vordergrund gerückt werden- and surprise: auch in der Forschung hat man das bislang unzureichend getan, denn der Fokus lag fast ausschließlich auf Frauen. Mittlerweile wissen wir, dass Samenzellen eine wichtige Rolle bei der Bildung der Plazenta spielen, welche den Fötus mit Sauerstoff und Nährstoffen versorgt [5].
Meine Zusammenfassung
Ein unerfüllter KiWu betrifft beide Geschlechter und Männer dürfen anfangen, genausoviel Verantwortung zu übernehmen, wie Frauen es bislang immer verzweifelt getan haben.
[1] Dpa. (2026). Russland: Psychologische Beratung für kinderlose Frauen sorgt für Kritik. Thieme Praxis. aufgerufen hier
[2] Cukrowska-Torzewska, E. & Matysiak, A. (2020). The motherhood wage penalty: A meta-analysis. Social Science Research, 88–89, 102416. https://doi.org/10.1016/j.ssresearch.2020.102416
[3] Yu, W. & Kuo, J. C. (2024). Research Note: New Evidence on the Motherhood Wage Penalty. Demography, 61(2), 231–250. https://doi.org/10.1215/00703370-11218936
[4] buzer.de. (o. D.). § 218 StGB Schwangerschaftsabbruch Strafgesetzbuch. aufgerufen hier
[5] Johnson, J., Nair, S., Singh, D., Balasinor, N. H. & Nishi, K. (2025). A systematic review on the role of paternal factors in human placental development, function, and pregnancy-related disorders. Journal Of Assisted Reproduction And Genetics, 42(10), 3183–3216. https://doi.org/10.1007/s10815-025-03594-3